Gedanken
Mit ein bisschen zeitlicher Differenz zu den Geschehnissen des letzten Samstags möchte auch ich versuchen, meine Gedanken in Form dieses Artikels zum Ausdruck zu bringen.
2007 feierte meine Heimatstadt Essen eines der größten Feste der Stadtgeschichte, 1.2 Millionen Menschen (wenn es denn stimmt) amüsierten sich friedlich in der Innenstadt, ein Jahr später das gleiche Bild in Dortmund. Damit war die Loveparade erfolgreich im Ruhrgebiet angekommen, hatte aber auch seine beiden "Joker" gleich zum Anfang verspielt. Denn mit den genannten Städten wurden nicht nur die beiden größten Städte des Potts gleich zu beginn mit der Parade beglückt, sondern es wurden auch die besten infrastrukturellen Voraussetzungen des gesamten Ruhrgebiets vorgefunden. Sowohl die Varnhorststraßen als auch die B1 bieten genügend Platz für eine Veranstaltung wie die Loveparade.
Schon 2009 war es dann aber vorbei. Die Stadt Bochum entschied sich aufgrund von fehlenden Sicherheitsgarantien und einem geeigneten Veranstaltungsort die Parade abzusagen. Damals ernteten die Bochumer dafür von vielen Hohn und Spot und in der Phase muss man sich in Duisburg gedacht haben: "Das wird uns nicht passieren".
Die zweitgrößte Veranstaltung und somit ein Aushängeschild für die "Kulturhauptstadt 2010" sollte sie werden, die Loveparade in Duisburg.
Nun, wir alle kennen mittlerweile das Resultat. 21 Tote, über 500 Verletzte. Ich danke der höheren Macht im Himmel, dass keiner meiner Freunde oder Bekannten unter diesen Opfern zu finden ist und fast alle gesund nach Hause gekommen sind. Doch trotzdem bleibt das Entsetzen, die Wut, die Trauer über das Geschehene.
Normalerweise berühren mich Unglücke wie dieses nur gering, zu weit entfernt ist meistens die Distanz, zu unbeteiligt ich selbst oder meine Freunde und Familie.
Am Samstag war alles anders. Ich kam unwissend vom Stand zurück und sah beim betreten des Zimmers zahlreiche ICQ-Fenster auf meinem Laptop blinken. Ungewöhnlich, war ich doch gerade mal 3 Stunden weg gewesen. Beim öffnen der Nachrichten wurde dann schnell klar: Etwas ist passiert. "Hast du mitbekommen was auf der Loveparade passiert ist?" fragten mich die Meisten. "Nein, was ist los?" lautet meine Standartantwort, während ich gleichzeitig schon Tagesschau, derWesten und SPON aufrief. Dann die Frage: "Wer von uns ist vor Ort?" "Soweit scheinbar alle in Ordnung" die zunächst erlösende Nachricht. Letztlich musste lediglich ein Schulfreund meiner Schwester mit starken Prellungen ins Krankenhaus, der Rest war wohl auf.
Nun stellte sich die drängende Frage: Wieso? Tags zuvor war ich auf derwesten.de noch auf folgenden Artikel aufmerksam geworden, doch keine Sekunde hätte ich an ein solches Unglück gedacht. Wir sind schließlich Deutschland. Das Land der Bürokraten, der Organisatoren. Wir sind das Ruhrgebiet, die größte Metropole Europas, mit jahrelanger Erfahrung bei Großveranstaltungen, schließlich strömen jedes Wochenende alleine in Dortmund und Gelsenkirchen fast 200.000 in die Fußballstadien, die Loveparades vorher verliefen überwiegend problemlos und gerade erst waren 2 Millionen Leute beim „Stillleben“, ohne das es auch nur einen Verletzten gab.
Letztlich zieh ich für mich das erschreckende Fazit: Duisburg hat versagt, die Ruhr2010 hat versagt, die Organisatoren und vielleicht auch die Ordnungskräfte haben versagt.
Ein Gelände, ausgelegt für max. 350.000 Menschen, mit nur einem Eingang und der Erfahrung, dass die LP in der Vergangenheit weit über 1.000.000 Menschen angezogen hatte- da merkt selbst ein kleiner Junge, dass hier eigentlich kein Zusammenhang bestehen dürfte. Und doch war genau dies der Fall.
Das alte Bahngelände, schon dutzende Male bin ich selber mit der DB dran vorbeigefahren, wurde tatsächlich zum Veranstaltungsgelände für das größte Musikspektakel der Welt. Dazu der marode Duisburger-Hauptbahnhof und eine nicht wirklich vorhandene Innenstadt. Im Nachhinein erscheint es so klar, dass diese Stadt niemals ein solches Event hätte stemmen können.
Doch sie tat es, bzw. Duisburg versuchte es. Entgegen aller vorherigen Warnungen von Polizei, Feuerwehr und anderen Institutionen, zogen Veranstalter und die Stadt in Person von OB Sauerland das volle Programm durch, man wollte sich repräsentieren, zeigen, dass auch Duisburg eine Groß- und Teil der Kulturhauptstadt ist.
Das Resultat sind 21 junge Menschen die zum Feiern auszogen und nicht mehr nach Hause kamen. Tausende, die psychisch vom Unglück betroffen sind, hunderte, die körperlich durch die Panik am Tunnel in in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Duisburg, Ruhr2010 und alle Organisatoren dieses Events haben sich repräsentiert - als Versager und Mörder. Das Mindeste wäre jetzt, die Schuld einzugestehen. Doch selbst dazu haben Leute wie Adolf Sauerland oder Rainer Schaller nicht genug "Eier". Stattdessen verstecken sie sich hinter gegenseitigen Anschuldigen und Floskeln die in den Ohren der Hinterbliebenen und aller Betroffenen wie blanker Hohn klingen müssen.
Ihr solltet euch schämen!